Mitgefühl beginnt in mir

Eine Freundin von mir ist wütend und enttäuscht, erzählt von ihrem Frust. Es läuft alles schief, was nicht schon zerbrochen ist.
Die Mundwinkel der Verkäuferin umarmen ihr Kinn, während sie abwesend vor sich hintrödelt.
Im Stadtgetümmel rempelt mich eine Frau an und würdigt mich eines giftigen Blickes.
Mein Partner kommt schweigend von der Arbeit nach Hause und ärgert sich über seinen Ärger.
Leute neben mir reden schlecht über eine andere Person.
Babies werden von strahlenden Menschenaugen bestaunt, Liebe und Freude knistern in der Luft.

Mit-Gefühl werden wir täglich konfrontiert. Es sei denn, man entscheidet sich für Ohne-Gefühl, dann hat man mit der ganzen Sache sowieso nichts zu tun.

Wenn man Gefühle zulässt, kann das erschrecken. Sie können tief berühren, beiläufig auftauchen oder wie ein Paukenschlag direkt am Ohr blitzklar erscheinen.

So viele Menschen verstecken sich vor ihren Gefühlen, umhüllen sie mit Mauern und anderen Kunstwerken. Sie fliehen vor ihnen und fühlen sich in der Folge selbst nicht mehr. Sich für sie zu öffnen, kann bedeuten von allen Ecken und Kanten mit Situationen überhäuft zu werden, die einen willkürlich mitfühlen lassen. Aber das ist ziemlich anstrengend und kräfteraubend.

Obige Beispiele können folgendermassen ergänzt werden: Ich finde das Leben auch voll Scheisse, noch ein Mensch der völlig verloren ist, die doofe Kuh hält sich wohl für etwas besseres (…), mein Partner macht mich so wütend, dass ich über meine eigene Wut wütend werde, in dieser Welt ist wirklich niemand ehrlich, Liebe ist so etwas schönes.

Dies sind ein paar Aspekte, die neben unendlich vielen Möglichkeiten stehen, wie sich Mitgefühl ausdrücken kann. Kurz gesagt ist es chaotisch, wild und unkontrolliert! – Dann kehrt man all die Gefühle wohl besser unter den Teppich und nimmt es in Kauf, zu Hause schön bedeckte Dreckhügel zu erklimmen. Ist alles bis zu einem bestimmten Grad an Steigung machbar…

Und hier nehme ich einen tiefen Atemzug, tauche in mich ein und fühle, wer ich bin. Ich fühle mit mir. Ich schaue mich an und sehe, dass ich verzweifelt bin. Ich lasse mich berühren, lasse die Gefühle zu. Alles darf sein. Angst, Wut, Trauer, Neid, Gier, Einsamkeit, Leere, Schmerz. Ich fühle, dass ich fühle.

Mitgefühl entwickelt sich, dehnt sich aus. Alles was ich an und in mir annehme und willkommen heisse, lässt mein Mitgefühl wachsen und gedeihen. Alles was ich je erfahren haben könnte und in mir fühle, existiert als Energie und Bewusstsein. Alles ist miteinander verbunden.

Mitgefühl steht für ein Bewusstsein, das in seiner Tiefe und Einfachheit lehrt, es ist alles gut, wie es ist.

Dieser Artikel wurde am 3.Dezember 2012 von Marina Bär in der Kategorie diverse Texte veröffentlicht.
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