Das letzte Mal

Der Winter ist im Einmarsch. Draussen starre Kälte, Wasser in Kristallform, wohlige Wärme in den Innenräumen, zurückgezogen in den überschaubaren Winkeln, dem Reservoir der Geborgenheit. Das saftige Grün der Natur ist gestorben, als Energie zum Zentrum zurück gekehrt. In sich ruhend den Nektar des Lebens speisend.

Der kleine Spross, von der Sonne angetrieben, hat ein Loch in der harten Rinde des Zweiges geschaffen. Ein klitzekleines Loch, durch das er seine Fühler streckt, um bald danach seinen Körper in der Freiheit zu recken. Von der Sonne geküsst, dem Regen erfrischt und dem Wind gestreichelt, geniesst das wachsende Blatt das Sein. Es lässt sich treiben im Fluss der Möglichkeiten, erfreut sich an Kontakten zu fremden Wesen und lässt sich tragen von seinem Ast. Irgendwann ist es Zeit für die Lebenskraft sich zurückzuziehen und sie wandert langsam hinunter in den Stamm, die Wurzeln. Dabei verändert das Blatt die Form, bis es von all seinen Kräften verlassen vom Wind auf die Erde getragen wird. Das Blatt hat die Welt das letzte Mal von Oben gesehen. Die Zeit des Zerfalls erfährt es aus der Bodenperspektive. Die physische Schöpfung „Blatt“ am Ende vereint mit dem, aus dem sie geschaffen wurde, ein erfahrenes Potential, das Bewusstsein wachsen lässt.

Das letzte Mal etwas Bestimmtes tun. Jemanden das letzte Mal sehen. Ein Ereignis findet zum letzten Mal statt. Alles endet irgendwie, irgendwann. Wie das Blatt, das gestorben ist. Aber die Erfahrung selbst ist nicht verloren. Auch nicht das Bewusstsein und die Energie. Sie kehrt zurück zur Quelle und lässt vielleicht bald einen neuen Trieb spriessen.

Das letzte Mal findet jeden Moment statt und existiert gleichzeitig nirgends. Es erinnert uns daran, jeden Moment neu mit unserem ganzen Sein zu geniessen. Nicht darüber nachzudenken, was danach kommen könnte sondern eintauchen ins Jetzt.

Dieser Artikel wurde am 2.Dezember 2012 von Marina Bär in der Kategorie diverse Texte veröffentlicht.
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