Unterhaltung versus Ruhe

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Ist es nicht erstaunlich, welchen Reiz Unterhaltung auf uns ausübt? Die Art von Unterhaltung, mit der wir uns beschäftigen, die uns ein Gefühl von Lebendigkeit vermittelt. Ich erinnere mich, als wäre es gestern, wie sehr mich Ruhe früher in die Flucht getrieben hatte. Kaum zeichneten sich leere Fenster in meinem Tagesablauf ab, kam das grosse Bibbern. Nichts tun, die Tragödie des Tages! Während Unterhaltung uns auf eine Reise mitnimmt, die uns aktiv Impulse liefert, stellt sie auch ein effektives Werkzeug dar, um der Stille zu entweichen.

Nichts tun, und ebenso die blosse Vorstellung darüber, kann beängstigen. Meistens kriegen wir das, wogegen wir uns leidenschaftlich wehren, nicht mehr aus dem Kopf heraus. Es dreht sich alles wie ein Karussell um das eine Thema im Kreis herum. Gedanken und Gefühle lösen sich unaufhörlich ab. Ganz im Sinne der Gesetze der Anziehung, welche, wie allseits bekannt, keine Verneinung kennen, rufen wir durch das ständige Wiederholen gezielt diese eine Sache in unser Leben. Je intensiver die Ablehnung, desto stärker die Anziehung.

Das schreit nach Auseinandersetzung. Sich der Ruhe ausliefern oder doch lieber der Unterhaltung frönen? Wer den Weg der Konfrontation meidet, wird niemals erfahren, welche Geschenke darin verborgen liegen.

 
Unterhaltung lenkt von Ruhe ab

Ihre Anziehung scheint über magische Kräfte zu verfügen. Manchmal genügt ein leiser Flügelschlag und Unterhaltung hat uns in ihren Bann gezogen. In einem fast hypnoseähnlichen Zustand verschwindet das Bedürfnis nach Ruhe. Diejenigen, die über einen letzten Funken Wachheit verfügen, gaukeln sich mit einer solchen Raffinesse Ruhe vor, dass von offenherzigem Zulassen kaum die Rede sein kann. Selbst die, die sich wirklich dafür interessieren, versumpfen in erschreckender Regelmässigkeit in den trickreichen Abgründen der Unterhaltung. Schwindelerregend, erniedrigend, aber auch faszinierend, diese Tatsache.

Unterhaltung ist eine Form von Ablenkung. Sie entzieht uns dem Jetzt, sie zeigt uns alles, was wir nicht sind. In einer Gesellschaft, in der es verpönt ist, sich mit sich selbst zu beschäftigen, eine Liebesbeziehung zum eigenen Sein aufzubauen und sich dabei weiter zu entwickeln, ist es nicht erwünscht, zur Ruhe zu kommen. Wer sich nicht bewusst davon distanziert, schwimmt wie ein toter Fisch im Strom des Massenbewusstseins mit.

Selbst der, der gegen den Strom schwimmt, wird ständig mit Unterhaltung konfrontiert. Er sieht sie erst im Aussen, lässt sie los. Findet sie im Innern, lässt sie erneut los. Wenn er meint, er hätte sie abgelegt, tanzt er schon wieder mitten drin. Je weiter er geht, umso stiller es um und in ihm wird, umso klarer sieht er die Ablenkung. Manchmal verzweifelt er, weil er es nicht hinkriegt, Ruhe einfach zuzulassen. In diesen Momenten neigt er dazu, zurück in den Strom springen zu wollen. Sobald er es versucht, erlebt er, wie ruhig es in ihm in der Zwischenzeit geworden ist, er erträgt den Lärm der Unterhaltung nicht mehr. Diese Erfahrung kann ernüchternd sein, Ängste über das alleine sein schüren, und umgehend dafür sorgen, in die nächste Unterhaltung fliehen zu wollen. Wenn man allerdings bedenkt, dass es hier darum geht, in sich all eins zu sein, dann kann man sich auch mal eine Feier gönnen und zur Abwechslung fröhlich und unbeschwert sein. Der Weg zum Selbst ist ein Prozess des bewusst Werdens. Jeder Schritt kann Anlass für Freude sein.

 
Ruhe ist anders, als du denkst

Das Leben ist unterhaltsam. Wenn es doch einmal ruhig ist, steigt das Gedankenvolumen ins Unermessliche. Notgedrungen. Alles andere ist ja weg … Daneben existieren Momente der Ruhe, in der die Stille so laut und klar werden kann, dass der Rest verblasst. Wer sich in diesen Zustand begibt, wird selbst dann ruhig sein, wenn er redet oder lacht.

Es ist die Angst, die uns die krassesten Vorstellungen von ruhig sein vorgaukelt. Es ist die Angst vor der Konfrontation mit dem eigenen Selbst, die uns antreibt, unterhalten zu werden oder selbst dafür zu sorgen. Und es ist das Einlassen, das uns schlussendlich eines Besseren belehrt.

Darum wünsche ich dir Mut, hinter die Barrieren der Unterhaltung zu blicken, um etwas zu finden, das dich so sehr bereichern kann, dass dir Hören und Sehen vergehen. Ich habe das Gefühl, dass du dadurch mit der Zeit leichter wirst und automatisch Wege findest, dich in dieser stressigen und chaotischen Zeit selbst zu regulieren.

 
Wie du Ruhe in dein Leben einlädst, eine kleine Übung

Fange damit an, zu beobachten, womit du dich den lieben langen Tag ablenkst, um der Ruhe auszuweichen. Schaue genauer hin und finde das Gute darin. Das ist einer der ersten Schritte, Frieden mit dir zu schliessen. Solange du Unterhaltung verachtest, bist du leider nur ein pseudo Selbstinteressierter. Und damit schneidest du dir ins eigene Fleisch.

Stelle eine Liste zusammen mit all den Unterhaltungsmöglichkeiten, die du dir erlaubst. Feiere sie. Erweitere sie. Lass es krachen! So laut, dass du zum gegebenen Zeitpunkt die Tür zur Ruhe freiwillig öffnest. In diesem Spiel geht es nicht darum, dein Wissen zu erweitern. Es geht darum, dein Bewusstsein auszudehnen und darüber hinaus eigenverantwortlich zu wählen und geschehen zu lassen, was dir gut tut.

Des Weiteren kannst du dir nach Lust und Laune Momente aussuchen, die du ganz der Ruhe widmest, indem du ihr deine vollumfängliche Aufmerksamkeit schenkst. Keine Musik, kein Buch, Handy, TV, putzen, basteln oder sonst was. Einfach nur du beim Nichts tun, geschehen lassen. Vielleicht bringt es dich auf die Palme, eventuell hältst du es anfänglich nur kurz aus. Richte dabei deinen Fokus aufs Sein, aufs Atmen und das, was sich dabei zeigen möchte. Alles ist erlaubt. Wie gesagt, es geht hier darum, dich bewusst zu erfahren und alles anzunehmen, was dir dabei begegnet. Es bewegt sich, wenn du es zulässt, Neues kommt und geht. Alles ist ein Teil von dir.

Ruhe dehnt sich aus, wenn du dir erlaubst zu sein, wie und was du bist.
 

Dieser Artikel wurde am 12.Januar 2015 von Marina Bär in der Kategorie Erfahrungen veröffentlicht.
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