Enttäuschung, Fluch oder Segen?

seifenblase zerplatzt

Obwohl wir Enttäuschungen meiden, wie den Griff in lodernde Flammen, auf der Suche nach Wahrheit gehören sie zum Inventar des Alltags. Irgendwann kommt er immer, der Moment, in dem wir mit nackten Tatsachen konfrontiert werden und feststellen müssen, dass unsere Erwartungen nicht erfüllt werden.

Doch ist es tatsächlich negativ zu erkennen, wie etwas wirklich ist? Nach der Enttäuschung sehen wir, wie die Dinge sind und es ist nicht mehr von Nöten, sich etwas vorzumachen. Sie sind ein Zeichen aufkommender Klarheit und fördern im Wesentlichen betrachtet ein Gefühl von Erleichterung. Meinen, glauben und verdrängen öffnen viel Raum für Geschichten. Geschichten, in die wir Zeit und Energie investieren. Wenn etwas geschieht, was diese Geschichten platzen lässt, dann sind wir enttäuscht, frustriert über das eigene Versagen. So zumindest auf der Ebene, die in mühevoller Arbeit die ganze Illusion hat entstehen lassen.

 
Was geschieht bei einer Enttäuschung?

Nullkommaplötzlich zeigt sich alles, wie es tatsächlich ist. Das ist nicht immer angenehm, zumal wir einiges unternommen haben, damit der Glaube an etwas Bestimmtes aufrecht erhalten bleibt. Aus Sicherheit wird Unsicherheit. Der Glaube kann dabei schon mal verloren gehen, je nach Thematik wird auch das Selbstvertrauen in Mitleidenschaft gezogen.

Etwas, woran wir glauben, woran wir gerne festhalten, stellt sich als Täuschung heraus. Es ist schlicht nicht so, wie wir es gerne hätten oder wie wir es uns vorgestellt haben. Im Moment des Geschehens plädiere ich dafür, dass es das Schlimmste ist, was man sich vorstellen kann. Oder eben nicht vorstellen konnte … Meistens reagieren wir mit Frustration gegenüber der Person, die für die Enttäuschung verantwortlich zu sein scheint. Der andere ist schuld am Schlammassel. Tatsächlich aber waren wir es, die das Bild haben entstehen lassen, die ihm Glauben geschenkt haben, also sind wir selbst dafür verantwortlich. Autsch, diese Erkenntnis tut weh. Sehr weh. Wie kann man sich selbst etwas vormachen? Wut, Machtlosigkeit, eventuell sogar Verzweiflung gegenüber dem eigenen Versagen. An Selbstvertrauen denkt man in solch einer Zeit weniger. Es ist ja nicht da, wenn wir uns selbst beschimpfen oder tadeln.

 
Eine Chance

Klarheit ist ein Segen, davon kann ich ein Liedchen singen. Glaube hin oder her, wenn ich körperlich empfinde, was Sache ist, bin ich im Hier und Jetzt. Was ich dabei empfinde, kann ich mir nicht vormachen. Es ist einfach klar. Enttäuschungen sind ein Freiticket in den Moment, in die unmissverständliche Erfahrung dessen, was ist. Eine Möglichkeit, die Realität neu zu entdecken, eine Chance zur Weiterentwicklung, ein Tor, um der eigenen Wirklichkeit etwas näher zu kommen.

Das Heilsamste, was es gibt, um mit einer Enttäuschung umzugehen, ist es, sie einfach anzunehmen und zuzulassen, wie wir uns dabei fühlen. Der Wahrheitssucher hat es schliesslich so gewollt, vielleicht unter anderen Umständen, aber darum geht es nicht. Tatsächlich trägt jeder etwas in sich, das ihn bei all seinen Vorhaben unterstützt. Man möge es die Seele oder das höhere Selbst nennen, von mir aus auch Gott. Tatsache ist, dass es immer für uns da ist und uns Ent-täuschungen schenkt, damit wir etwas klarer sein können. Natürlich haben alle die Wahl, weiterhin an das zu glauben, was sie wollen. Das ist erlaubt. Aber irgendwann, auch wenn es sich erst im Sterbebett zeigt, kann man plötzlich klar sehen und die Täuschung fällt wie ein Luftschloss in sich zusammen. Schön wäre es, wenn man zu Lebzeiten erfahren dürfte, wie toll sich die Freude danach anfühlen kann. Es könnte sein, dass man Gefallen am Enttäuschen findet?

Dieser Artikel wurde am 4.April 2014 von Marina Bär in der Kategorie Erfahrungen veröffentlicht.
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